Thomas Harris

„Hannibal Rising“

Kennen Sie Thomas Harris? Nun, wahrscheinlich wird Ihnen der Name nicht viel sagen. Aber bestimmt haben Sie schon einmal den Film "Das Schweigen der Lämmer" gesehen, oder zumindest davon gehört. Nun, Thomas Harris ist der Autor des Buches, das als Vorlage diente.
Ich persönlich halte Harris für einen sehr begnadeten Autor. Von seinem Schreibstil erinnert er mich an Stephen King. Harris wurde 1940 in Jackson/Mississippi, USA, geboren und wuchs in der Stadt Rich auf, wo sein Vater als Farmer arbeitete. Später studierte er an der Baylor University in Waco, die er 1964 mit dem Titel Bachelor abschloss. Bereits 1975, als er also 35 Jahre alt war, erschien sein erster Roman "Black Sunday" ("Schwarzer Sonntag"), der schon zwei Jahre später verfilmt wurde.

So viel also erst mal zu Harris. Bevor ich hier näher auf sein neustes Werk eingehe, lassen Sie mich etwas Klarheit über die Reihenfolge der Bücher von ihm und die Filme verschaffen. "Das Schweigen der Lämmer" erschien in den USA 1988, in Deutschland 1990 (Verfilmung 1991), "Roter Drache" erschien in den USA 1981, in Deutschland im Jahr 1988 (Verfilmung 2002), "Hannibal" erschien im Jahr 1999 (Verfilmung 2001) und "Hannibal Rising" wurde 2006 hier veröffentlicht, die Verfilmung folgte noch im darauf folgenden Jahr, je nachdem, welcher Quelle man glauben mag. Vom Inhalt her ist folgende Reihenfolge chronologisch korrekt: "Hannibal Rising", "Roter Drache", "Das Schweigen der Lämmer" und "Hannibal".

"Roter Drache"
Drei Jahre nachdem FBI-Agent Will Graham den kannibalischen Serienkiller Dr. Hannibal Lecter überführt und hinter Gitter gebracht hat, wird er, inzwischen nicht mehr im Dienst, von seinem Ex-Kollegen Jack Crawford um Hilfe bei der Ergreifung eines Serienmörders gebeten. Da Graham unter Zeitdruck steht, bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit Lecter zusammenzuarbeiten...

"Das Schweigen der Lämmer"
Wieder einmal ist das FBI auf der Suche nach einem Serienkiller, diesmal nach einem, der die Haut seiner Opfer abzieht und den die Boulevard-Blätter "Buffalo Bill" nennen. Als die Tochter einer Senatorin vermisst wird, wendet sich die junge FBI-Schülerin Clarice Starling an den inhaftierten Hannibal Lecter. Dieser, selber Psychiater, kennt den Mörder. Und schon bald wird aus der Zusammenarbeit zwischen Lecter und Starling mehr...

"Hannibal"
Hannibal Lecter ist die Flucht gelungen, unentdeckt führt er ein neues Leben in Florenz, während Clarice Starling noch immer beim FBI ist. Doch schon bald ist es mit dem ruhigen Leben der beiden vorbei. Als bei einem Einsatz mehrere Menschen sterben, wird Starling vom Dienst suspendiert. Und Mason Verger, ein ehemaliger Patient von Lecter, hat ebenfalls noch eine Rechnung mit dem Kannibalen offen. Und bald darauf kreuzen sich die Wege der drei Menschen...

Lassen Sie sich gesagt sein, dass "Das Schweigen der Lämmer", in den Hauptrollen Jodie Foster und Anthony Hopkins, sehr erfolgreich war. Der Film schaffte es, Oscars für den besten Film, die beste Regie, die beste Hauptdarstellerin, den besten Hauptdarsteller und das beste Drehbuch zu bekommen. Am 15. Februar 2007 startete "Hannibal Rising" in den Kinos. Schon vor der Premiere erntete der Film schlechte Kritiken. Und falls er sich stark an das Buch anlehnt, kann ich das gut verstehen. Sie müssen wissen, ich bin eine Leseratte und bei den Buchpreisen heutzutage und meinem Gehalt dazu im Vergleich darf ich eigentlich nicht wählerisch sein und nur noch Flohmarkt-Bücher lesen. Ab und zu jedoch, nach einem überaus anstrengenden Bürotag zum Beispiel, kommt es vor, dass mich am Bahnhof, also auf dem Weg nach Hause, an einer Buchhandlung, ein Buch regelrecht anspringt. Verzweifelt schreit es danach, gelesen zu werden, es kratzt an der Scheibe und fleht um Freiheit. So geschehen letzte Woche. Ich kratzte also meine letzten 19,95 Euro zusammen - Sucht statt Abendessen - und befreite das Wesen aus seiner misslichen Lage. Fest an mich gedrückt, bestieg ich dann kurze Zeit später mit meinem Schatz den Zug. Kaum war dieser angefahren, verschlang ich auch schon die ersten Seiten. Ja, ich gebe zu, ich war schwach! Das Buch hatte keine guten Kritiken bekommen und ich hatte es trotzdem gekauft - und innerhalb von vier Tagen durch. Zugegeben, die Rückseite las sich sehr spannend (Achtung, Spoiler in den nächsten drei Absätzen):

Das dunkle Trauma des Hannibal Lecter - die atemberaubende Vorgeschichte zu den Welterfolgen "Roter Drache", "Das Schweigen der Lämmer" und "Hannibal". Welches grausame Erlebnis machte Hannibal Lecter zum blutrünstigen "Kannibalen"? Wie wurde der hochbegabte Junge zur berühmt-berüchtigten Bestie? Thomas Harris führt uns in die Kindheit des genialen, äußerst kultivierten und monströsen Serienkillers. Er enthüllt den Albtraum, den der Elfjährige kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt und der ihn bald zu eigenen Gräueltaten treibt.

Ich wollte sowieso wissen, weshalb Hannibal Lecter zum Kannibalen geworden war. Doch letztendlich war ich maßlos enttäuscht. "Das Schweigen der Lämmer" fand ich spitze, "Hannibal" konnte ich damals gar nicht mehr aus der Hand legen, aber "Hannibal Rising" hat mich gelangweilt. Erwartete ich doch Genaueres über den Tod von Hannibals Schwester Mischa zu erfahren. Die Details jedoch verschwimmen hinter einem Nebel aus Kriegsschilderungen. Thomas Harris' Schreibstil hatte mich von jeher begeistert. Er versteht es, Spannung bis ins Unermessliche zu steigern, dem Leser einen Schauer über den Rücken zu jagen und er besitzt einen unübertrefflichen Blick für das Detail. Aber in diesem Buch finde ich davon kaum etwas wieder. Spannung? Fehlanzeige. Okay, vielleicht liegt es daran, dass der Leser eh schon weiß, dass Mischa stirbt, Hannibal sich auf einen Rachefeldzug begibt und zum Kannibalen wird. Die Handlung ist vorhersehbar. Bei der Schilderung von Hannibals Kindheit zieht sich das Werk wie ein Kaugummi dahin. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass der Autor nicht wirklich auf den Punkt kommt. Harris macht immer wieder Anspielungen, dass Mischa Kannibalen zum Opfer fiel, aber eine genaue Beschreibung ihres Todes fehlt. Auch die Beziehung zwischen Hannibal und Lady Murasaki ist mir immer noch schleierhaft. Liebt sie ihn? Liebt er sie? Oder ist es einfach nur Bewunderung? Oder weiß es letztendlich der Autor selber nicht?

Was bleibt, ist Harris' Blick für die Details und ein paar mehr Informationen über Lecters Leben. Doch das allein reicht meiner Meinung nach nicht, um dieses Buch zu einem "Meisterwerk" wie "Hannibal" zu machen. Für Hannibal-Lecter-Fans ist der Kauf dieses Buches sicher eine Überlegung wert. Wer aber einfach nur gute Unterhaltung sucht, wird hier wohl enttäuscht werden. Ich werde mir trotzdem die Verfilmung ansehen, diesmal übrigens ohne Anthony Hopkins.

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