M. Brosowski
Interview mit Brigitte Endres
"Bedenke stets des Wortes Macht, nutze es nie unbedacht!"
Brigitte Endres über Jamben, Feen und sich selbst
Wieder einmal hatte das TZN Gelegenheit, eine Autorin zu interviewen. Diesmal: Brigitte Endres.
TrekZone Network: Wer ist Brigitte Endres?Brigitte Endres: Du lieber Himmel, wenn ich das wüsste! Das ist ja eigentlich DIE große philosophische Frage: WER BIN ICH? Aber ich denke, ein bisschen von mir steckt in dem, was ich schreibe, denn es kommt ja aus der Quelle dessen, was mich ausmacht.
TZN: Wie bist du zum Lesen beziehungsweise anschließend zum Schreiben gekommen?
Endres: Ich bin sehr früh mit Literatur in Berührung gekommen. Mein Großvater, ein Oberschulrat vom alten Schlag, las mir, kaum dass ich sprechen konnte, immer wieder die Kinderverse aus "Des Knaben Wunderhorn" vor. Auch wenn ich bestimmt nur die Hälfte davon verstand, wurde wahrscheinlich damals schon die Liebe zum Klang der Worte geweckt. Und dann war da noch eine kugelrunde warme, weiche Oma, die mir auf Sächsisch Märchen erzählte. Von Gänselieseln und Königstöchtern, vom bösen Wolf und guten Feen. Als ich endlich selbst lesen konnte, habe ich alles gelesen, was mir in die Finger kam. Geschrieben habe ich schon als Kind, vor allem selbst erdachte Märchen, mit 15 eine kafkaeske Kurzgeschichte von einem Mann, der morgens aufwacht und alle Leute sind gut gelaunt − sogar sein misanthropischer Chef. (Mit 15 hat man eben noch Träume ..."lach") Aber ich studierte dann der Familientradition entsprechend − es wimmelt bei uns von Lehrern − doch für das Lehramt an Grundschulen. Erst in einem Zweitstudium kamen Germanistik und Geschichte dazu. Noch viel später, da hatte ich meine Söhne schon und war in den Schuldienst eingetreten, begann ich zu schreiben. Und zwar für meine Schulkinder.
"Gleich zu Beginn meines Autorenlebens habe ich einen historischen Jugendroman über das Dritte Reich geschrieben." | ||
Endres: Das ist in ein paar Sätzen kaum möglich, da die Geschichte sehr verflochten ist. Es geht zunächst um ein Mädchen, Josie, das in Chicago seinen Vater besucht, der an einem Genforschungsprojekt arbeitet. Dort begegnet Josie einer seltsamen Amsel, die sich plötzlich in einen kleinen Mann in einem Federmantel verwandelt und ihr eine Brosche mit zwei Drachenköpfen überbringt. Josie zweifelt an ihrem Verstand, bis sie auf Amy trifft, die auch so eine Drachenfibel besitzt. Die beiden stellen fest, dass sie noch sehr viel mehr Gemeinsamkeiten haben. Sogar bei ihren Großmüttern gibt es Parallelen, denn die eine ist Schriftstellerin, die andere Drehbuchautorin. Tatsächlich deutet ein altes Foto darauf hin, dass die Mädchen ein und denselben Urgroßvater haben. Durch einen Gentest lässt sich ihre Verwandtschaft eindeutig festmachen.
Edna, Amys Großmutter, war, das muss erwähnt werden, im Vorfeld des Geschehens von einem Tornado auf höchst mysteriöse Weise weggerissen worden. Der Bote aus der Anderwelt, denn das ist die Amsel, bittet Josie nach Eirinn zu kommen, um Narranda, das Goldene Land von den zerstörerischen Nebeln des finsteren Dorchadons zu befreien. Josie und Amy fliegen also nach Irland, wo Amy, kaum angekommen, während eines Gewitters von schrecklichen Schattengestalten entführt wird. In Irland wird Josie von ihrer Großmutter erwartet, die sich bei einem Professor eingemietet hat, der sich den alten Mythen verschrieben hat und eine riesige Bibliothek unterhält. Der Grund: Sie recherchiert für ein neues Fantasy-Buch.
Nun beginnt das eigentliche Abenteuer, in dem Josie nicht nur Amy und Edna retten muss, sondern auch von einem uralten Fluch erfährt, der auf den weiblichen Nachfahren ihrer Familie lastet. Doch stehen ihr Gefährten zur Seite. Gefährten aus der Welt am Rand der Träume, als auch aus der Welt der Dinge. Arthur, ein Junge, der aus einer alten Bardenfamilie stammt, wird ihr wichtigster Begleiter. Und sie gewinnt noch einen Freund, einen von dem sie es nicht für möglich gehalten hätte − ich will hier nicht zu viel verraten.
Alle Gefährten sind durch uralte Familienbande miteinander verbunden, doch das stellt sich erst nach und nach heraus. Nur gemeinsam können sie den Abstieg in das finstere Reich des bösen Dykeron wagen und die Aufgaben lösen. Und schließlich machen sie noch eine verstörende Entdeckung: Die Fantasien der schreibenden Großmütter, ja, die Imagination aller Beteiligten erwachen zum Leben ...
TZN: Ein Teil der Figuren in diesem Fantasy-Roman spricht in Jamben. Wie bist du darauf gekommen?
Endres: Das Problem ist ja, dass sich Anderwelt-Wesen einer eigenen Ausdrucksweise bedienen müssen, um sich auch sprachlich von den weltlichen Protagonisten zu unterscheiden. Schließlich kam ich darauf, sie in jambischen Reimen sprechen zu lassen. Der Hintergrund: Die alten Mythen und Epen, die im Buch eine große Rolle spielen, waren zumeist in gereimten Versen abgefasst, da sie ja nur mündlich überliefert wurden, und man sie sich auf diese Weise besser merken konnte. Diese Entscheidung hat den Schreibprozess natürlich sehr verlangsamt. Doch bin ich froh, dass ich nicht aufgegeben habe. Denn es gibt dem Buch etwas Besonderes.
TZN: Du hast geschrieben, dass die jambischen Verse dem Buch eine besondere und poetische Note geben. Hast du keine Angst, dass das die Leser eher abschreckt?
Endres: Überhaupt nicht! Ich glaube sogar, dass die Reime den Reiz des Buches erhöhen − jedenfalls war das bei meinen Probelesern so, und meine Lektorin war richtig begeistert.
TZN: Hat das Jamben-Schreiben dir auch Lust auf einen Gedichtband gemacht?
Endres: Nein. Es liegt mir nicht sehr, mich elegisch auszudrücken. Lyrik ist ja auch etwas ganz anderes als Reime, wie ich sie verwendet habe.
TZN: Warum hast du nach all deinen Kinderbüchern jetzt einen Jugend-Fantasy-Roman geschrieben?
Endres: Gleich zu Beginn meines Autorenlebens habe ich einen historischen Jugendroman über das Dritte Reich geschrieben. Allerdings war der bei weitem nicht so umfangreich wie das "Vermächtnis der Feen". Ich schreibe für alle Altersgruppen, vom Bilderbuch bis zum Jugendbuch. Ich schätze es sehr, neben einem langen epischen Stoff auch kurze Texte für jüngere Kinder zu verfassen. Man muss viel mehr auf den Punkt schreiben. Da muss jedes Wort sitzen! Eine gute Stilübung. Außerdem haben viele große Kollegen alle Altersstufen bedient, Astrid Lindgren zum Beispiel.
TZN: Ich habe auf deiner Website gesehen, dass du auch Kinderlieder geschrieben hast. Das ist ja nun eine ganz andere Richtung. Wie bist du darauf gekommen?
Endres: Die Lieder sind damals für meine Schulkinder entstanden. Musikalität liegt bei uns ebenso in der Familie wie das Schreiben. Aber das Wort ist mir näher als die Musik, dennoch geistern oft Melodien durch meinen Kopf und wollen zu Gehör gebracht werden. Und so entstehen auch heute noch ab und zu kleine Musikstücke.
TZN: Du hast gesagt, dass du auch heute noch aus der Struwwelliese zitieren kannst. Haben die Bücher deiner Kindheit deine schriftstellerische Tätigkeit sehr beeinflusst?
Endres: Ganz bestimmt haben mich die Bücher meiner Kindheit beeinflusst, aber es fällt mir schwer zu sagen, wie genau. Es ist mehr eine Gefühlswolke, eine Atmosphäre der Geborgenheit, die ich mit meinen Kinderbüchern assoziiere − und davon möchte ich gerade meinen jüngeren Lesern etwas schenken. Deshalb achte ich darauf, auch bei schwierigen Themen Lösungen anzubieten. Es muss immer Hoffnung geben.
TZN: Woher nimmst du die Ideen für deine Geschichten?
Endres: Ideen fallen von den Bäumen. Ich weiß nicht, woher sie kommen. Ich glaube, dass Autoren stark assoziativ denken. Manchmal ist es ein Name, etwas, das ich höre oder sehe, etwas, das plötzlich ungeplant eine Gestalt annimmt, aus der eine Geschichte entsteht.
TZN: Sind deine Kinder auch deine schärfsten Kritiker?
Endres: Nein, mein schärfster Kritiker bin ich selbst.
TZN: Du hast einen eigenen Verlag. Ist es schwer, sich in der Verlagswelt zu behaupten?
Endres: Es ist schlichtweg unmöglich − da man kaum Mittel zur Vermarktung hat. Der Libelli-Verlag, in dem ich anfangs einige wenige Bücher veröffentlicht habe, ist ein Nonprofit-Unternehmen, das mein Mann, der Maler H.D. Tylle, unterhält. Hauptsächlich erscheinen bei uns Kunstkataloge on demand für befreundete Künstler.
TZN: Eine Frage, die mich als Autorin interessiert: Woher nimmst du die Namen für deine Personen und Figuren?
Endres: Dafür nehme ich mir SEHR viel Zeit. Manchmal höre ich einen Namen, der mir gefällt, und baue eine Geschichte darum herum. Aber meistens suche ich lange nach einem klingenden Namen, der zum Typ des Protagonisten passt. Es gibt blonde und brünette Namen, Namen für lange und für kurze Nasen ... Bisweilen schrecke ich auch vor bedeutungsvollen Namen nicht zurück. Herr "Plümo" ist so ein Beispiel, der kleine Mann mit dem großen Schnurrbart und dem karierten Mantel, den Luis eines Abends in seinem Bett vorfindet.
"Es gibt Leseratten und Leseverweigerer. Gestern wie heute." | ||
TZN: Hast du den Eindruck, dass in unserer heutigen Zeit Kinder und Jugendliche gerne respektive viel lesen oder doch lieber vor dem TV oder PC sitzen?
Endres: Es gibt Leseratten und Leseverweigerer. Gestern wie heute. Ich glaube eher, dass der Medienüberfluss auf Kosten der Bewegung geht. Vielleicht lesen heutzutage sogar mehr Kinder als früher, weil Bücher verfügbarer sind und es dazugehört, bestimmte Stoffe gelesen zu haben, um die gerade ein Hype gemacht wird. Allerdings sagt uns die Statistik, dass Mädchen häufiger lesen als Jungen. Aber das ist auch nichts Neues. Kinderbuchverlage setzen deshalb immer mehr auf die Mädchen, und Pink-Reihen schießen wie Pilze aus dem Boden.
Wäre es nach mir gegangen, wäre das "Vermächtnis der Feen" bei Thienemann direkt erschienen und nicht bei dem Thienemann-Imprint Planet Girl, denn es ist ebenso wenig ein reines Mädchenbuch wie "Tintenherz".
TZN: Glaubst du, dass Feen, Elfen, sprechende Tiere und so weiter in der heutigen Zeit neben Wii und Action-Games noch einen (berechtigten) Platz haben?
Endres: Die Sehnsucht nach dem über die Realität Hinausgehenden ist heute größer denn je. Viele Kinder wachsen ohne die alten Märchen auf, weil schon die Eltern sie nicht mehr kennen.
Übrigens ist das ein wichtiges Thema des Romans, über den wir hier sprechen. Auch Sagen und Heiligenlegenden werden nicht mehr tradiert. Selbst die Geschichten aus der Bibel geraten zunehmend in Vergessenheit, da immer weniger Menschen religiöse Bindungen haben. Sicher kommt das auch daher, dass die Wissenschaft für viele Fragen Erklärungsmodelle liefert, auf die unsere Vorfahren nur mystische Antworten hatten. Trotzdem steckt in uns bis heute das tief verwurzelte Bedürfnis nach dem Okkulten. Daran ändert auch die fortschreitende Technisierung nichts, ganz im Gegenteil. Mit Esoterik und Fantasy schaffen wir uns neue mythische Räume.
TZN: Woran arbeitest du gerade?
Endres: Ich bereite − momentan vor allem gedanklich − meinen nächsten Roman vor, über den ich aber noch nicht sprechen möchte. Allerdings wird es wieder ein phantastischer Stoff sein. Daneben entstehen kürzere Texte für Bilder- und Vorlesebücher.
TZN: Einige abschließende Worte?
Endres: Ich möchte mit dem Motto des Romans schließen: "Bedenke stets des Wortes Macht und nutze es nie unbedacht!" Es ist die Magie des Wortes, die alles kreiert, das Sichtbare wie das Unsichtbare, das Gute wie das Böse. Das ist die wichtigste Botschaft des "Vermächtnis der Feen".
TZN: Vielen Dank für das Interview!
Erschienen in der Incoming Message 95/September 2010
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"Das Vermächtnis der Feen" (gebundene Ausgabe)
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Aktualisiert (Freitag, 17. September 2010 um 18:30) Geschrieben von: M. Brosowski (Freitag, 17. September 2010 um 18:28)



